Mit 1. Oktober 2009 startet die Radiofabrik – Verein Freier Rundfunk Salzburg das zweijährige Projekt „Ohrenblicke – Radiokunst von Blinden und Sehenden“ gemeinsam mit den Projektpartnern Radio Z, Blinde und Kunst e.V. und Mira Media. Das Projekt findet im Rahmen des Kulturprogrammes der Europäischen Union (Executive Agency Education, Audiovisual & Culture) statt.
Blinde und Sehende werden im Rahmen dieses Projektes gemeinsam 30 künstlerische Audioproduktionen, wie zB Hörspiele erarbeiten, die über Freie Medien im EU-Raum verbreitet werden.

Blinde Menschen besitzen aufgrund ihrer Behinderung oft einen überdurchschnittlich gut ausgeprägten Hörsinn. Sie haben aber selten die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten kreativ einzusetzen. Denn sehbehinderte Menschen erfahren sowohl in der Berufswahl als auch bei Freizeitbeschäftigungen im Vergleich zu Sehenden starke Einschränkungen. Das von der Europäischen Union geförderte Projekt „Ohrenblicke – Radiokunst von Blinden und Sehenden“ möchte brachliegende Potentiale nutzen. Radio ist im Prinzip ein barrierefreies Medium, das von blinden, sehbehinderten und sehenden Menschen gleichermaßen genutzt werden kann.

Projektziele:
In diesem künstlerisch-integrativen Audioprojekt steht die gemeinsame Gestaltung von Radiosendungen im Vordergrund. Direkte Zielgruppe sind rund 30 blinde und sehende Menschen in den Städten Salzburg, Nürnberg und Köln. In diesen Städten werden bis zum Jahr 2011 jeweils zehn Audioproduktionen entstehen. Die Verbreitung der Audioproduktionen erfolgt über die Freien Radios in Europa sowie über das Projekt-Weblog als Podcast.

Das Projekt bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Kunst/Kultur und sozial-integrativem Anspruch. Es will die Integration von Menschen mit Behinderung mit künstlerischen Aktivitäten fördern. Der Einsatz neuer Medien ist dabei wesentlicher Bestandteil des Projektes. Die Zusammenarbeit von Blinden und Sehenden erfordert natürlich die Verwendung von barrierefreier elektronischer Kommunikation. So wird für Radio-Live-Produktionen vom technischen Leiter der Radiofabrik, Marcus Diess, das so genannte Studiogard-System weiter entwickelt. Dieses ermöglicht es blinden Menschen, selbständig ein Radiostudio zu bedienen.

Wie auch die Freien Radios verfolgt das Projekt „Ohrenblicke“ einen partizipativen Ansatz. Seitens der Projektleitung wird es für die Themen der Radioproduktionen keine Vorgaben geben. Sehr wohl werden die TeilnehmerInnen aber eine Einführung in die Gestaltungsmöglichkeiten von Radioproduktionen erhalten. Inhaltlich und technisch wird das Projekt von MitarbeiterInnen der Radiofabrik, wo derzeit zwei blinde Radiomacher regelmäßig on air gehen, betreut.

Vorkenntnisse sind für die am Projekt teilnehmenden Menschen nicht erforderlich. Das nötige Know how wird in den begleitenden Workshops vermittelt.

Weitere Projektziele sind:

  • Blinde und sehbehinderte Menschen können AudioproduzentInnen werden.
  • Künstlerische Kooperationen von Blinden und Sehenden
  • Entdecken von künstlerischen Ausdrucksformen durch Audioproduktionen.
  • Einen kreativen Umgang mit Technik lernen
  • (künstlerisch) reflexive Bearbeitung der interkulturellen Aspekte bei der Zusammenarbeit von blinden und sehenden Menschen

Ohrenblicke-Projektpartner:

Der Verein „Blinde und Kunst“ gibt blinden und sehbehinderten Künstlern Raum für die Präsentation ihrer Kunst und fördert sie in ihrem Schaffen. Ebenso werden neue künstlerische Darstellungsweisen gemeinsam entwickelt. In Deutschland, Belgien und Österreich wurden zahlreiche Events und Kunstausstellungen in völliger Dunkelheit organisiert. „Blinde und Kunst“ produziert regelmäßig Sendungen für den Bürgerrundfunk in Köln.

Radio Z ist ein Freies Radio im Großraum Nürnberg, das von einem gemeinnützigen Verein mit 1.300 Mitgliedern getragen wird. Es gilt damit als das größte der über 30 freien Radios in Deutschland. Ein Schwerpunkt liegt in der medienpädagogischen Arbeit mit Zielgruppen, denen der Zugang zu den Massenmedien versagt bleibt. So gestalten seit über zehn Jahren Menschen mit verschiedenen Behinderungen eine monatliche Radio-Sendung, auch blinde Menschen gehören zu den Redakteuren.

Mira Media ist eine Medien-Kooperative, die 1986 in Utrecht von den wichtigsten migrantischen Organisationen in den Niederlanden gegründet wurde. Seidem hat Mira Media den Begriff der Multikulturalität bzw. der Interkulturalität über ein Verständnis von verschiedenen Ethnien hinaus weiter entwickelt. So werden Medientrainings auch für Menschen mit Beeinträchtigungen durchgeführt.

Mira Media wird die interkulturellen Aspekte zwischen Blinden und Sehenden bei der Medienproduktion beleuchten. Diese Reflexionsebene wird wiederum auf das Projekt zurückwirken.

Die Radiofabrik „Verein Freier Rundfunk Salzburg“ sendet seit 1998 in Salzburg und Umgebung. Sie versteht sich als Sender mit der größten Meinungsvielfalt in dieser Stadt. Bevorzugt erhalten Menschen und Gruppen Sendeplätze, die in den traditionellen Medien unterrepräsentiert sind. In Bezug auf die Zahl der ehrenamtlichen RadiomacherInnen und die in den letzten Jahren erhaltenen Auszeichnungen zählt die Radiofabrik zu den erfolgreichsten Freien Radios im deutschsprachigen Raum. Die internationale Ausrichtung der Radiofabrik wird durch die Vielzahl der bereits durchgeführten EU-Projekte deutlich.

Nebst des kulturellen Austausches zwischen den Welten von Blinden und Sehenden ist ein zentraler Aspekt des Projektes Blinden, die barrierefreie Nutzung von Radiostudios zu ermöglichen.

Hierzu hat Marcus C. Diess mit der Entwicklung des Studioguard-Systems einen Meilenstein gelegt. Studioguard ermöglicht Blinden das Arbeiten im Tonstudio ohne auf die visuellen Anzeigen eines Mischpultes angewiesen zu sein. Das System analysiert das zu bearbeitende Audiosignal und generiert für den Nutzer taktil interpretierbare Information über die im professionellen Tonstudio-Betrieb notwendigen Audioparameter. Dadurch wird es möglich, dass Blinde selbständig Audioproduktionen durchführen können.

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.

Comments are closed.